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18.11.09 14:06 Alter: 292 days

„Hertha-Niveau“ beim Sport für Kinder

 

24. Darmstädter Sport-Forum: Harte Worte zum Bewegungsdefizit im Elementarbereich Professor Werner Schmidt (Universität Duisburg-Essen) dokumentierte im zweiten Vortrag beim 24. Darmstädter Sport-Forum („Kinder und Jugend im Fokus der Sportwissenschaft“) harte Daten und fand harte Worte zu den großen Mängeln im „Kindersport für Alle“.

„Hertha-Niveau in der Bundesliga, das ist unser Niveau im Elementarbereich“, sagte er. Die Ergebnisse vieler Studien sind seit Jahren alarmierende Menetekel.

Der Leidensdruck, verstärkt in Großstädten, werde jedoch für die Kommunen, aber auch die Landespolitik immer größer. „Es wird etwas passieren“, sagte er. Dagegen reagierte die Bundesebene träge. „Frau Schavan, Frau von der Leyen und auch unsere Bundeskanzlerin sind sicher keine Sportfanatiker“, sagte Schmidt. Sport spiele hier eine unterbelichtete Rolle in der politischen Diskussion. Wer Kinder frühzeitig begeistert - Nachwuchs aus Risikogruppen wird in Deutschland erst mitfünf, sechs erreicht - erzielt mit nachhaltiger Förderung für Leistungsschwache verblüffende Effekte. Neben Beweglichkeit und Konzentration verbessert sich Sprache. „Die stärksten Effekte haben wir bei den gehemmten Kindern.“ Sport ist neben der Schule der einzige Sektor, der alle Kinder erreicht, ohne Unterschied des Alters, Geschlechts und der Nationalität. „Zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit ihm.“ Lehrer und Übungsleiter sollten normative Vorstellungen vermeiden und Kinder so nehmen wie sie sind.

„Deutschland hat erheblichen Modernisierungsdruck“. Auch diese These stützte der Essener Sportwissenschaftler mit Zahlen: Im Elementarbereich betreut eine Kindergärtnerin 24 (in Skandinavien sieben) Sprösslinge. Lediglich 11,2 Prozent Kindertagesplätze gibt es. In Skandinavien setzt Ganztagsbetreuung im zweiten Lebensjahr ein. Hierzulande werden viele Kinder erst im Alter von sechs Jahren angesprochen. „Da ist es im Grunde schon viel zu spät, da ist das Kind schon in den Bach gefallen. Es gibt bis jetzt noch kein Pflicht-Modul Bewegung Spiel und Sport.“Risikofaktoren wie Übergewicht/Adipositas steigen bei Kindern zwischen sechs und zehn Jahren (von 9,1 auf 15,4 Prozent). 5,5 Prozent Kinder und 12,5 Prozent Jugendliche offenbaren motorische Schwächen, ein Drittel Koordinationsschwächen. Kinder mit fünf Stunden Sitzunterricht verlieren in der letzten Stunde 40 Prozent ihrer Aufmerksamkeit. Kinder mit zweigroßen Bewegungspausen (je 30 Minuten) sind zwölf Prozent konzentrierter. Kinder mit großen Bewegungspausen und einem Schulalltag der bewegt, gewinnen 52 % mehr Konzentration.

Kinder zieht es heutzutage früh in die Vereine . Sie sind aber auch schneller wieder draußen. Sie steigen häufig im Alter von drei, vier, fünf Jahren ein, mit sieben Jahren kulminiert die Mitgliederquote. Dafür steigen sie im Jugendalter mit elf, zwölf Jahren wieder aus. Auf diese Koordinaten- Verschiebung wissen Clubs selten angemessene Antworten. Schmidts Handlungsempfehlungen klangen simpel: Bewegungskindergärten sollten die Sprösslinge bereits im Alter von drei Jahren abholen. Qualifizierte Ausbildung der Betreuerinnen und Betreuer tut Not. Schmidt: „In Skandinavien ist Kindergärtnerin ein Studienfach.“ Die bewegte Grundschule gelte es flächendeckend einzurichten. Die Realität schaut anders aus Beispiel Nordrhein-Westfalen: Dort wurden von 9.500 Grundschulen in den letzten zehn Jahren erst 220 mit diesem Prädikat zertifiziert.
Abkehr von früher sportspezifischer Spezialisierung, dafür polysportiven (vielseitige) Grundausbildung hieß das vierte Credo des Sportpädagogen. Die Schweiz sammelt mit dieser Rückbesinnung gute Erfahrungen. Schmidt: „In Skandinavien ist es Kraft Kindersportgesetz verboten bis zwölf Jahre reguläre Wettkämpfe anzubieten.“ Er pochte zugleich auf Basislehrpläne für alle Sportfachverbände (Koordination, Bewegungsvielfalt, kleine einfach erlernbare Spiele). „Dieses Umsteuern wäre ohne große Investitionen möglich, damit relativ kostenneutral.“
Hans-Peter Seubert / DOSB-Presse