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Mädchen- und frauengerechter Sportstättenbau – neue Perspektiven für die Sportstättenentwicklung
Unter dieser Überschrift fand am 16. und 17. November 2009 das 1. Kasseler Sportsymposium statt. „Zukunftsszenarien der Sportentwicklung – Ist die Zukunft des Sports weiblich?“ – zu dieser Fragestellung referierte Prof. Christian Wopp von der Universität Osnabrück zu Beginn vor einem fachlich versierten Publikum, das sich aus kommunalen Gleichstellungsbeauftragten und Verantwortlichen städtischer Sportämter, aus Frauenvertreter/innen der Sportverbände- und Vereine, Architekt/innen, Stadtplaner/innen und Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Fachrichtungen und aus ganz Deutschland zusammensetzte.
Wopp prognostizierte, dass die Deutschen in den kommenden Jahren weniger, älter, internationaler, weiblicher und dicker werden. Dies bestätigt auch die Studie „Sportvereine in Deutschland“ des Deutschen Olympischen Sportbundes: Daraus geht ganz klar hervor, dass der Anteil von Frauen und Mädchen in den kommenden Jahren in den Vereinen zahlenmäßig stark ansteigen wird – und zwar ältere und jüngere Frauen, Frauen mit und ohne Migrationshintergrund, dickere, dünnere, behinderte und nichtbehinderte. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortführen.
Hier gilt es nun für die Vereine eine Angebotspalette zu entwickeln, die alle diese Frauen und Mädchen anzieht und an die Vereine bindet, denn die Konkurrenz zu den kommerziellen Anbietern in den Bereichen Fitness und Wellness ist groß. Dabei sind attraktive Sportstätten, sowohl in Hallen als auch im Freien ein äußerst wichtiges Qualitätskriterium – wie wir hören, auch für sporttreibende Männer.
Beteiligte bei Neubau-Planung mit einbeziehen
Bei der Planung von Neu- und Umbauten müssen viele Aspekte bedacht werden. Planerinnen und Planer müssen die „Gender-Brille“ aufsetzen, das bedeutet gemäß der UN-Resolution von 1995, dem Amsterdamer Vertrag von 1999 und des BauGB, 2004, § 1 Abs. 6, alle Bevölkerungsgruppen in ihre Planungen einbeziehen. Kriterien wie Sicherheit im öffentlichen Raum, gute Erreichbarkeit durch öffentliche Verkehrsmittel, Aufenthaltsqualität und Partizipation sind unabdingbare Punkte, die unbedingt berücksichtigt werden müssen.
Um bei dem wichtigen Baustein Partizipation bedeutet das, alle beteiligten Gruppen einzubeziehen, die in irgendeiner Form von einem Neubau oder einer Umgestaltung betroffen sind. Die Beteiligung darf sich aber nicht nur, wie das in vielen Städten und Gemeinden üblich ist, in einer Bürgerversammlung erschöpfen. Es müssen Menschen angesprochen werden, die sich nicht öffentlich äußern wollen oder können. Hier müssen entsprechende Beteiligungselemente gefunden werden, wie etwa Straßen-Interviews, Fragebogenaktionen, persönliche Interviews etc. Nur ein Mix aus verschiedenen Instrumenten der Beteiligung führt dazu, dass alle ihre Erfahrungen und Fachkompetenzen einbringen können – nur dann werden neue Konzeptionen von einer breiten Mehrheit angenommen.
Wie wünschen sich Mädchen und Frauen „ihre“ Sportstätten?
Vor allen Dingen sicher und sauber sollen sie sein – das geht aus den zahlreichen Befragungen ganz klar hervor. Kein Mädchen und keine Frau findet es attraktiv, über einen spärlich beleuchteten Parkplatz zu einer Sportstätte laufen zu müssen. Muffige, ungepflegte Umkleideräume, Duschen mit überalterten Reihenwaschbecken, verschmutzte Toiletten – teilweise weit entfernt von der Halle – all das sind Rahmenbedingungen, die Frauen und Mädchen in die Fitness-Studios treiben.
Frauen und Mädchen ihre Sportart in einem zufriedenstellenden Umfeld ausüben können. Auf Feldern, die für Fußballtraining oder für Basketball-Spiele ausgelegt sind, wird Rückenschule oder ein Yoga-Kurs sicher weniger schnell den erwünschten Wohlfühl-Effekt bringen. Die Zeiten genormter, ausschließlich für Wettkämpfe ausgerichteter Hallen neigt sich dem Ende entgegen. Kleinere Einheiten, die für Gymnastik, Fitness und Wellness-Angebote, für Mütter und Kinder, für Migrantinnen und Ältere attraktiv sind, müssen das Gefühl von Luft und Licht vermitteln – und wie viele der am Symposium teilnehmenden Männer versicherten, würde auch ihnen so eine Sportstätte viel besser gefallen.
Mit Blick auf die Familienfreundlichkeit einer Sportstätte wurden Kriterien wie angenehme Wartemöglichkeiten in Kommunikationsbereichen für Eltern und die Möglichkeit eines (Spiel- und Bewegungs-)Raumes für die Kinderbetreuung genannt. Unterstellmöglichkeiten für Kinderwagen und ein barrierefreier Zugang zu der Sportstätte sollten – und hier ist wieder auf die Gender-Richtlinien hinzuweisen – heute bei jeder Neuplanung oder Renovierung ein Standard sein, der nicht besonders erwähnt werden muss.
Modellhafte Anlagen vorgestellt
Was das Sporttreiben im städtischen Raum angeht, wurden viele spannende Ansätze als Ergebnisse von Studien und modellhaften Anlagen, besonders bei der Gestaltung von Schulhöfen, vorgestellt.
Prof. Rosa Diketmüller von der Universität Wien und Karin Schwarz-Viechtbauer, Direktorin des Österreichischen Instituts für Schul- und Sportstättenbau (ÖISS) Wien präsentierten gelungene Beispiele für geschlechtergerecht gestaltete Schulhöfe und Freiflächen, die bereits in die Praxis umgesetzt wurden. Die Bedürfnisse von Jungen und Mädchen wurden dabei berücksichtigt – es gibt nicht nur einen Bolzplatz mit Fußballtoren oder einem asphaltierten Freiplatz mit einem Basketballkorb. Für alle sind schöne Möglichkeiten geschaffen, die zu Spiel und Bewegung anregen: Überdachte Ecken zum Treffen und Kommunizieren, Flächen für gemeinsame (Bewegungs-)Spiele, Kletterwände, Schaukeln – nur der Wunsch der Mädchen nach einem Pflegepferd konnte nicht erfüllt werden.
Die Referate aus der praktischen Arbeit in Vereinen, welche die weibliche Sichtweise bereits in ihre Raumgestaltung und in die Angebotspalette eingefügt haben, gaben den wissenschaftlich unterfütterten Erkenntnissen recht: Wo auf Frauenfreundlichkeit geachtet wurde, wo es angenehm hell, sauber und sicher ist, dort gibt es auch weiterhin Zuwächse bei den Mitgliedszahlen.
Das 1. Kasseler Sportsymposium brachte es auf den Punkt: Nur wenn alle Verantwortlichen ernsthaft bemüht sind, zu „gendern“, dann wird sich auf Dauer etwas verändern – und Frauen und Mädchen werden letztlich den entsprechenden Stellenwert in der Gesellschaft haben, der ihnen qua Grundgesetz Artikel § Abs. 2 GG zusteht: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.
Martina Dröll