Aktuelles
Turnvereine und Turner-Bund – Kompetenz für Bewegung im Alter
Kommentar des
DTB-Präsidenten Rainer Brechtken:
„Kinder sind unsere Zukunft!“ ist der Slogan für unsere Bemühungen, Eltern zu überzeugen, dass sie ihre Kinder zum Kinderturnen in den Turnvereinen und Turnabteilungen anmelden.
Dort erhalten sie eine breite Grundlagen-ausbildung und die Befähigung zu einer lebenslangen, gesunden sportlichen Betätigung bis ins hohe Alter. Und so werden auch allmählich die Älteren „unsere Zukunft“, denn auf Grund der demografischen Entwicklung in unserer Gesellschaft müssen wir uns in den Turnvereinen und Turnabteilungen noch mehr als bisher der Zielgruppe Ältere und ihren spezifischen Bedürfnissen widmen.
Das Statistische Bundesamt rechnet vor, dass der Anteil der Deutschen über 65 Jahre von heute 20 Prozent bis 2030 auf 33 Prozent ansteigen wird. Diese demografische Entwicklung hat Auswirkungen auf alle Lebensverhältnisse in unserer Gesellschaft, auch auf die Angebote in unseren Turnvereinen und Turnabteilungen. Nun muss man diese zu erwartende Bevölkerungsentwicklung nicht als Menetekel oder Bedrohung verstehen, sondern als Herausforderung. Wir müssen in unseren Turnvereinen und Turnabteilungen einfach mal darüber nachdenken, was diese Entwicklung für den Verein vor Ort und dessen Angebote bedeutet.
Dabei können wir Turnerinnen und Turner in unseren Vereinen bereits auf umfassende Erfahrungen zurückgreifen und haben schon so manche demografische Entwicklung gemeistert. Ende der 1950er Jahre wurde im Turner-Bund das „Jedermannturnen“ ins Leben gerufen, später die „Aerobic-Welle“ in Deutschland initiiert und auch im Fitness- und Gesundheitssport hat die Turnbewegung den Trend gesetzt.
Bei den Älteren verzeichnen wir in der Mitgliederstatistik unserer 20.000 Turnvereine und Turnabteilungen bereits heute knapp 900.000 Mitglieder über 60 Jahre, das sind fast 20 Prozent unserer insgesamt fünf Millionen Mitgliedschaften im DTB. Im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beträgt die Zahl der über 60-Jährigen drei Millionen Mitgliedschaften. Demnach betreuen die Turnvereine und Turnabteilungen rund 30 Prozent der Älteren im organisierten Sport. Und das schon traditionell seit vielen Jahrzehnten.
Im Klartext: Die Turnvereine und Turnabteilungen sind die fachlichen Kompetenz-Zentren mit Erfahrung, wenn es um Sport- und Bewegungsangebote für Ältere geht. Und: Der Deutsche Turner-Bund und seine Landesturnverbände haben die langjährige Erfahrung und fachlichen Kenntnisse, den Vereinen mit den erforderlichen Dienstleistungen auch auf diesem Sektor zur Verfügung zu stehen.
Diese Erkenntnis sollten sich bitte all diejenigen in Sport und Politik zu Herzen nehmen, die im Zuge der beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen meinen, finanzielle und personelle Ressourcen für die Entwicklung neuer Strukturen und Schaffung „einzigartiger“ Leuchtturm-Projekte einsetzen zu müssen. Warum werden diese Mittel nicht einfach eingesetzt zur Stärkung der vorhandenen Strukturen, zur Förderung derjenigen, die auf diesem Feld Erfahrung haben und nachweisbar als Spezialisten für Bewegung gelten: die Turn- und Sportvereine?
Ich bin dankbar, dass das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Projekt „Aktiv bis 100 – Aufbau von Netzwerkstrukturen zur Umsetzung von Bewegungsangeboten für Hochaltrige am Wohnort“ finanziert, weil wir genau diese Kenntnisse für die Umsetzung in den Turnvereinen und Turnabteilungen vor Ort auf kommunaler Ebene aufbereiten müssen. Von einem anderen Bundesministerium – das für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz – wird das Projekt „IN FORM – für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“ mit der Bundesarbeits-gemeinschaft der Seniorenorganisation (BAGSO) gefördert. Hier bringen wir uns ein in die Schulung von Multiplikatoren, weil die Kombination von Ernährung und Bewegung im Alter besonders wichtig ist und wir die Spezialisten für Bewegung sind.
Dankbar bin ich, dass in den genannten Projekten tatsächlich die vorhandenen Strukturen des Sports einbezogen sind und gefördert werden. Und dennoch sind es jeweils Einzelprojekte, deren Nutzung und Zusammenführung weitere Ressourcen erfordert. Derzeit diskutieren wir in unserer Gesellschaft über die Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Ich frage mich: Warum investieren wir nicht endlich ordentlich in die Prävention? Umfassende Gesundheitsvorsorge beinhaltet für mich vielfältige Bewegung, gesunde Ernährung und hohes geistiges Interesse. Mit der vorhandenen Infrastruktur unseres Bildungswesens sowie der Turn- und Sportvereine als flächendeckende Freiwilligenorganisation sind die Rahmenbedingungen für Prävention gegeben.
Es könnte der große Wurf für ein Gesellschaftskonzept sein, wenn alle Ressourcen aus Einzel- und Leuchtturmprojekten in ein abgestimmtes Konzept für Prävention eingingen, das sich an der Stärkung vorhandener Strukturen orientiert. Bislang bleibt vieles Stückwerk – auch bei der Bewältigung der kommenden demografischen Entwicklung mit der Zunahme der Älteren in unserer Gesellschaft.